Die Nutzung des Fahrrads beschert dem Gemeinwesen Belgiens einen wirtschaftlichen Nettogewinn: Die positiven Auswirkungen auf Gesundheit, Klima und lokale Wirtschaft gleichen die öffentlichen Ausgaben für Fahrradinfrastruktur und Unfälle bei Weitem aus. Jede Maßnahme, durch die die Nutzung des Fahrrads reduziert werden könnte, wäre daher absolut kontraproduktiv – sowohl für den Staat als auch für seine Bürger.
Die Kosten eines Autos
Nach Angaben der Automobilbranche hat der belgische Staat im Jahr 2024 durch die Autofahrer 23,5 Milliarden Euro in Form von jährlichen Steuern, Kraftstoffsteuern, Mehrwertsteuer usw. eingenommen. Die Grundlage dieser Berechnung ist allerdings verzerrt. Einerseits, weil hier auch Verkehrsstrafen (die keine Steuer sind) mitgerechnet sind und andererseits, weil das Steuergeschenk in Form von Firmenwagen („Lohnwagen“) hier völlig außer Acht gelassen wird, obschon es sich um eine Steuerbefreiung handelt, die den Staat einen Betrag zwischen 3 und 6 Milliarden Euro kostet.
Laut Föderalem Planbüro, der Europäischen Union und mehreren belgischen Studien zu den Kosten der Auswirkungen des Straßenverkehrs stellen die indirekten Kosten des Autoverkehrs in Belgien eine erhebliche Belastung für die öffentliche Hand dar. Es sind die Kosten der wirtschaftlichen, ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen, die nicht abgedeckt werden durch die Steuern, die im Laufe eines Jahres von den Autofahrern gezahlt werden:
- Verkehrsunfälle (5 bis 6 Mio. €): medizinische Kosten, Gerichtskosten, Verluste von Menschenleben und Rückgang der Produktivität, etwa 40.000 Verletzte und mehr als 400 Tote pro Jahr. Diese Kosten machen 1 % des belgischen BIP aus.
- Luftverschmutzung (3 bis 4 Mio. €): Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vorzeitige Sterblichkeit, verminderte Lebensqualität. Laut der Europäischen Umweltagentur kommt es jährlich zu etwa 8.000 vorzeitigen Todesfällen, die auf Feinstaub und CO2 zurückzuführen sind.
- Staus und Produktivitätseinbußen (5 bis 6 Mio. €): Zeitverlust durch Staus. Im Durchschnitt 65 Stunden pro Fahrer und Jahr, durch die in Brüssel oder Antwerpen Kosten von über 1.200 € pro Arbeitnehmer verursacht werden.
- Klimawandel (1 bis 2 Mio. €): Kosten durch CO2-Emissionen und für die Einhaltung der europäischen Quoten. Etwa 18 % der belgischen Emissionen sind bedingt durch den Straßenverkehr.
- Verschleiß der Infrastruktur (0,8 bis 1,2 Mio. €): Instandhaltung und Reparatur von Straßen, Gehwegen und Parkplätzen. Schwere Fahrzeuge und SUVs sind eine höhere Belastung für die Straßen.
- Umfassende Steuerbefreiung für Firmenwagen (3 bis 6 Mio. €): zu niedrig besteuerte Steuervorteile, Einnahmeverluste für den Staat. 60 % der Neuwagen sind Firmenwagen. Einnahmeausfälle für den Staat? Bis zu 6 Milliarden.
Wenn man diese externen Kosten mitberücksichtigt, dann beläuft sich die Belastung des belgischen Staates durch den Automobilsektor auf etwa 18 bis 24 Milliarden Euro pro Jahr, wodurch die direkten Steuereinnahmen aus dem Automobilsektor (siehe oben) fast vollständig aufgehoben werden. Der motorisierte Individualverkehr kostet den Staat also genauso viel wie er – in Form von Steuern – durch ihn einnimmt. Noch mehr, wenn man die langfristigen Gesundheitskosten und die Umweltverschmutzung in den Städten mitberücksichtigt. Ganz zu schweigen von der steuerlichen Absurdität der Dienstwagen, auf die ebenfalls das Föderale Planbüro hingewiesen hat: Das Privileg, diese Fahrzeuge, die fast 10% des belgischen Fahrzeugbestands ausmachen, zu nutzen, kommt lediglich den bestbezahlten 20 % der Arbeitnehmern zugute (überwiegend Männer) Durch dieses ungerechte und kostspielige System wird sowohl zur Nutzung von Autos (durchschnittlich 28.000 km/Jahr für einen Firmenwagen gegenüber 14.000 km/Jahr für einen Privatwagen) angeregt als auch die Entscheidung für große Autos unterstützt – wodurch die unten genannten negativen Auswirkungen noch verstärkt werden.
Der Vorteil des Fahrrads
Allen Studien zu diesem Thema zufolge, darunter die jüngste Studie von Transport & Mobility Leuven (TML) aus dem Jahr 2022, sind die externen Auswirkungen des Radfahrens weitgehend positiv, insbesondere, was die öffentliche Gesundheit, die Umwelt und die Wirtschaft angeht. Während ein mit dem Auto zurückgelegter Kilometer Kosten in Höhe von etwa 0,3 bis 0,5 € verursacht, die die Gesellschaft zu tragen hat, bringt jeder mit dem Fahrrad zurückgelegte Kilometer einen Nettogewinn zwischen 0,5 € und 1 €, der zum großen Teil zurückzuführen ist auf den positiven Einfluss des Radfahrens auf die Gesundheit:
- Öffentliche Gesundheit (+0,40 bis 0,70 €/km): Verringerung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, Verbesserung der psychischen Gesundheit.
- Luftverschmutzung und Lärm (+0,05 bis 0,10 €/km): Fahrräder verursachen so gut wie keinen Lärm und keine gesundheitsschädlichen Abgase.
- Klima und CO2 (+0,05 €/km): durchschnittlich 90 g CO2 weniger pro km im Vergleich zu einer Fahrt mit dem Auto.
- Verkehrsüberlastung und Instandhaltung der Infrastruktur (+0,05 €/km): weniger beanspruchte Straßenfläche und somit weniger Instandhaltung, der Stadtverkehr fließt flüssiger.
- Unfälle (-0,02 bis -0,05 €/km): Radfahrer sind stärker gefährdet im Straßenverkehr, aber die Häufigkeit schwerer Unfälle nimmt dort ab, wo es entsprechende Einrichtungen gibt.
TML kam bereits 2022 für die Benelux-Länder und Nordrhein-Westfalen zu dem Schluss, dass jede Person, die mit dem Fahrrad unterwegs ist, je nach Anzahl zurückgelegter Kilometer einen Nettogewinn von 260 bis 694 € pro Jahr erzeugt.
Das Fahrrad besteuern? Keine gute Idee!
Die Automobilbranche fordert regelmäßig im Namen einer angeblichen „Gerechtigkeit“, dass Radfahrer genauso besteuert werden wie Autofahrer. Abgesehen davon, dass ein Vergleich zwischen den beiden Verkehrsmitteln nicht angebracht ist, wird dabei vergessen, dass Radfahrer bereits Steuern zahlen: die volle Mehrwertsteuer auf alle von ihnen konsumierten Fahrradprodukte und -dienstleistungen, wobei der Vorzugssatz von 6 % nur für Reparaturarbeiten gilt. Da der Gesamtmarkt für Fahrräder in Belgien ein Volumen von 1 Milliarde Euro hat, fließen jährlich mehr als 100 Millionen Euro Mehrwertsteuer in die Staatskasse. Dies entspricht bereits dem Gesamtbudget, das die Regionen Wallonie und Brüssel in den Fahrradbereich investieren.
Tatsächlich hat es früher einmal eine spezielle Fahrradsteuer gegeben. Wenn diese bezahlt war, erhielt man eine Metallplakette, die am Fahrrad anzubringen war. Dies wurde jedoch aus dem einfachen Grund abgeschafft, dass sie mehr kostete als sie einbrachte … Wenn das Ziel darin besteht, die Staatskasse mit einer Fahrradsteuer zu füllen, muss man sich etwas Besseres einfallen lassen!
Quelle: MAG AVELLO 02/2026


